Die Sozialen Stadtrundgänge
sind keine traditionellen Stadtführungen, wie wir sie alle kennen. Sie bieten einen anderen Blick auf die Stadt. Alle StadtführerInnen kennen Armut, Ausgrenzung, Obdachlosigkeit, Gewalt, Sucht- oder psychische Erkrankungen aus eigener Erfahrung. In ihrer Ausbildung bei Surprise setzen sie sich mit ihrer Vergangenheit und ihren Lebensbrüchen auseinander. Jeder Rundgang führt entlang einer Lebens-und Leidensgeschichte und ist somit einzigartig. Wir entdeckten am 23. Juni 2026 dabei ein Basel, das wir so noch nicht wahrgenommen haben.
Unsere Stadtführerin
war Lilian Senn, Jahrgang 1957. Sie verbringt die ersten Jahre bei einer Pflegefamilie. Im Alter von fünf Jahren wechselt sie von der Pflegefamilie zu ihrer Familie. Gewalt und das Gefühl von Ausgrenzung sind für Lilian an der Tagesordnung. Als junge Frau absolviert sie eine Lehre als Floristin, heiratet und bekommt zwei Söhne. Nach dem Lehrabschluss wechselt sie in den kaufmännischen Bereich, macht eine Ausbildung zur Personalfachfrau und wird Personalchefin. Das 100-Prozent-Pensum, die Familie, ein Sohn mit Geburtsgebrechen und die Weiterbildungen überfordern sie. Es folgt ein Burnout und die Scheidung nach 20 Jahren Ehe.
Lilian versucht ihr Glück als Selbständig-Erwerbende. Dies misslingt – auf einen Schlag ist sie mit hohen Schulden konfrontiert und muss Insolvenz anmelden. Sie absolviert eine Ausbildung als Bus-Chauffeuse und arbeitet sieben Jahre lang in Zürich und Bern. Der anschliessende Versuch, durch einen beruflichen Neuanfang Erfüllung zu finden scheitert. Sie übernimmt Gelegenheitsjob, verschuldet sich erneut und verliert ihre Wohnung. Sie kommt mit zwei Koffern und einem Rucksack als ganzes Hab und Gut nach Basel und lebt lange auf der Gasse. Ihre Erfahrungen als Wohnungslose führen Lilian aber auch zu ihrem neuen Beruf. Seit 2018 arbeitet sie als Surprise Stadtführerin.
Einige Daten zum Thema Soziales Basel
In Basel sind rund 100 Menschen obdachlos: etwa 50 Personen schlafen unter freiem Himmel, weitere 50 in Notunterkünften. Rund 200 Personen haben keine eigene Wohnung — sie schlafen in Notwohnungen der Sozialhilfe oder kommen bei Bekannten unter.
Insgesamt schätzt man rund 2’200 Menschen, die in der Schweiz obdachlos sind.
Wer sind diese Menschen? Waren es früher vor allem arbeitslose und/oder drogensüchtige Menschen obdach- oder wohnungslos, suchen heute vermehrt Menschen mit psychischen Problemen, Arbeitssuchende aus Zentral- und Osteuropa, Sans-Papiers und Asylsuchende die Hilfseinrichtungen auf.
Organisationen und Hilfsangebote
Basel hat ein weites Netz an Hilfsorganisationen; hier nur einige in Kürze aufgeführt:
-Schwarzer Peter – Verein für Gassenarbeit. Der Schwarze Peter bietet Orientierungshilfe, Krisen- und Soforthilfe, Beistand, Beratung und Begleitung .
-Gassenküche Basel — kostenlose Mahlzeiten für alle Bedürftigen
-Gassenarbeit Elim — unterstützt obdachlose Menschen mit Beratung, Begleitung und praktischer Hilfe Psy24
-frauenOase – niederschwellige Anlaufstelle für Frauen
-Heilsarmee Basel — betreibt Wohnheime und das Pilotprojekt «Housing First Basel» in Zusammenarbeit mit der Sozialhilfe, mit dem Ziel, Menschen aus langwieriger Obdachlosigkeit zu einer eigenen Wohnung zu verhelfen Heilsarmee Schweiz
-Soup & Chill — Lebensmittelabgabe und niederschwellige Anlaufstelle
-Stiftung Sucht beider Basel — Kontakt- und Anlaufstellen für suchtbetroffene Menschen
-Christoph Merian Stiftung (CMS) — finanziert Studien, verbessert Infrastruktur und ermöglicht Zugang zu Wohnraum
-Surprise — Strassenzeitschrift und soziale Stadtrundgänge, die Betroffenen ein Einkommen ermöglichen.
Zum Schluss: Ganz herzlichen Dank gebührt Liliane Senn für ihre interessanten und authentischen Ausführungen, die länger als geplant ausfielen, und dies bei einer Gluthitze von über 36 Grad, zuerst in der Elisabethenkirche und am Schluss in der Elisabethenanlage hinter dem Strassburger Denkmal.
Text: Beat Butz; Fotos: Felix Désiré Meyer; Quellen: sozialesbasel.ch; surprise.ngo; surprise.ngo/personen/lilian-senn











